Selsinger Schüler bei Parnewinkel im Einsatz

Mit Bürste und Wasser reinigen sie Grabsteine, an anderer Stelle harken sie Laub zusammen, beseitigen von Bäumen herabgefallene Äste: Die Schüler der Klasse H 10 der Selsinger Heinrich-Behnken-Schule sind dabei, die Kriegsgräberstätte Parnewinkel zu pflegen – zum letzten Mal vor ihrer Entlassung.

Auf dem Friedhof ruhen 15 Opfer des Ersten und etwa 86 Tote des Zweiten Weltkrieges. In Einzelgräbern sind 27 Polen, 18 Serben, zwölf Russen, drei Belgier und ein Chinese bestattet. In einer Sammelgrabfläche ruhen weitere rund 40 sowjetische Kriegsgefangene.

Seit vier Jahren kümmern sich die heutigen Zehntklässler meist zweimal im Jahr um die Pflege. Sie sind nicht die ersten Schüler, die sich dieser Aufgabe widmen. „Begonnen hat alles mit dem Unterrichtsgang am 22. November 2002 anlässlich des bevorstehenden Totensonntags“, erinnert Religionslehrer Alfred Poppinga, der die Aktion federführend leitet. Damals hatten Schüler spontan den Wunsch geäußert, gestalterisch auf dem Selsinger Friedhof tätig werden zu wollen. „Ich machte ihnen die Aussichtslosigkeit einer Erfüllung des Wunsches klar, versprach aber, mir eine ,Ersatztätigkeit‘ zu überlegen“, so der Pädagoge.

Alfred Poppinga fand schnell ein Betätigungsfeld für die Schüler, die Kriegsgräberstätte Parnewinkel. „Die für die Pflege zuständige Samtgemeinde Selsingen und der dort tätige Pfleger willigten gerne ein und im Frühjahr 2003 befreiten wir zum ersten Mal die Kriegsgräberstätte von Totholz und Laub“, erinnert der Religionslehrer. Die Schüler reinigten die Grabsteine, hoben die Inschriften mit Spezialstiften hervor.

Eltern eines Schülers stellten einen Trecker mit Anhänger für den Abtransport des Sammelgutes zur Verfügung, ein Hausmeister der Schule brachte die nötigen Arbeitsgeräte und Eltern gaben den Kindern weitere Gartengeräte mit. Zweimal im Jahr, im Frühling und zum Volkstrauertag, rückten die Schüler an, um das Areal zu pflegen. „Im Laufe der Zeit begannen die Schüler immer häufiger Fragen zu den Kriegstoten auf dem Friedhof zu stellen“, erinnert sich Alfred Poppinga.

Antworten im Unterricht

Um Antworten von kompetenter Stelle zu erhalten, nahm er Kontakt zum Schulreferenten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) auf, lud ihn in den Religionsunterricht ein, um die Klasse über Parnewinkel im Speziellen und Kriegsgräber im Allgemeinen zu informieren.

Die damalige Klasse H7b verrichtete die Pflegearbeiten während ihrer gesamten verbleibenden Schulzeit. Am Tag der Entlassung erhielten sie als Anerkennung für das langjährige Engagement unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern“ eine Urkunde aus der Hand des VDKSchulreferenten.

Die damalige Klasse R6b folgte diesem Pflegebeispiel ab 2006, seither stellt die Samtgemeinde einen Anhänger zur Verfügung. Im Mai 2009 erhielt die Klasse nebst Alfred Poppinga vom damaligen Landesminister Hans-Heinrich Ehlen eine Patenurkunde für die Kriegsgräberstätte Parnewinkel als Station der Steinerlebnisroute, die eine Reihe von besonderen Orten in der Samtgemeinde verbindet.

Alfred Poppinga: „Der Sinn und der Wert der Arbeit auf diesem Kriegsgräberfriedhof haben sich mir erst mit der Zeit erschlossen.“ Die Arbeit lasse die Schüler von selbst nach den Ursachen fragen und mache sie bereit, das Thema „Nationalsozialismus in Deutschland“ als wichtig anzuerkennen. „Die Schüler überwinden Fremdenfeindlichkeit, da sie Gräber von früheren Feinden pflegen“, sie lernten zu schätzen, in einem friedlichen

Europa zu leben und würden angeregt, über friedliche Alternativen zum Krieg nachzudenken.

Als Dank für die Arbeit überreichten gestern der VDK-Geschäftsführer im Bezirk Lüneburg/Stade, Jan Effinger, und der neue VDK-Jugendreferent Dr. Henning Pieper jedem Schüler der Klasse H 10 ein T-Shirt. In verschiedenen Sprachen steht darauf das Motto geschrieben: „Arbeit für den Frieden“.

 

Schüler der Klasse H 10 reinigten gestern zum letzten Mal die Grabsteine und das Areal der Kriegsgräberstätte Parnewinkel.

 

Die Kriegsgräberstätte Parnewinkel liegt auf der Steinerlebnisroute, daher reinigten Schüler auch die entsprechende Hinweistafel.