Der Aufbau eines inklusiven Bildungssystems ist ein wesentlicher Bestandteil der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention zur Förderung der Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen. Nach ihr haben Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf einen Rechtsanspruch darauf, gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf wohnortnah unterrichtet zu werden.

Das Schulprogramm der Heinrich-Behnken-Schule in Selsingen macht deutlich: An unserer Schule beruht der Umgang miteinander auf Wertschätzung und gegenseitigem Respekt. Wir wenden uns gegen jegliche Art von Diskriminierung oder gesellschaftlicher Ausgrenzung.

Inklusion ist deshalb für uns eine Möglichkeit, diesen Anspruch in unserer täglichen Arbeit umzusetzen. Inklusion basiert auf der gleichen Wertschätzung aller Schülerinnen und Schü-ler mit all ihren individuellen Unterschieden und fördert die Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler am schulischen Leben.

Wie dieser pädagogische Ansatz an der Heinrich-Behnken-Schule mit Leben gefüllt wird, soll im folgenden Inklusionskonzept verdeutlicht werden.

Theoretische Grundlagen der Inklusion

 

Was ist Inklusion?

In der Pädagogik ist die Inklusion (Einschluss, Teilhabe) ein Ansatz, dessen wesentliches Prinzip die Wertschätzung der Vielfalt in der Bildung und Erziehung ist. Befürworter der inklusiven Pädagogik betrachten Verschiedenartigkeit (Heterogenität) als normale, reguläre Gegebenheit.

Die folgende Grafik soll die unterschiedlichen pädagogischen Ansätze verdeutlichen: 4

Überträgt man den Inhalt der Grafik auf die in Deutschland bestehende Schulstruktur und die bestehenden pädagogischen Ansätze, so könnte man Exklusion gleichsetzen mit dem lange Jahre üblichen Konzept der schulischen Trennung von Kindern ohne und Kindern mit einem besonderen Förderbedarf z.B. in der emotionalen und sozialen oder der körperlichen Ent-wicklung.

Der Begriff Separation könnte verglichen werden mit dem Ansatz, Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf an einer gemeinsamen Schule, aber in getrennten Bildungs-gängen zu unterrichten.

Bei dem integrativen pädagogischen Ansatz werden Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf in einer gemeinsamen Klasse unterrichtet. Eine integrative Lerngruppe besteht aus zwei oder mehreren Untergruppen: Kinder ohne besonderen Förderbedarf (Regel-schulkinder) und Kinder mit unterschiedlichen Förderschwerpunkten.

Die Inklusion ist der weitestgehende Ansatz, Kinder gemeinsam zu unterrichten. Inklusion versteht sich in Bezug auf Schule als ein Konzept, das davon ausgeht, „alle Barrieren in Bildung und Erziehung für alle SchülerInnen auf ein Minimum zu reduzieren.“ [Boban; Hinz: Index für Inklusion, 2003]. Vielfalt wird nicht als Problem, sondern als Chance wahrgenommen.

Besondere Herausforderungen eines inklusiven Bildungsansatzes

Dieser inklusive Ansatz stellt Schule und Unterricht vor besondere Herausforderungen:

So müssen Kulturen, Strukturen und Praktiken in Schulen so weiterentwickelt werden, dass sie besser auf die Vielfalt der SchülerInnen eingehen. Barrieren, die die Teilhabe aller Kinder am Lernen behindern, müssen abgebaut werden. Lernprozesse müssen zunehmend individualisiert und Lernangebote, -methoden und -inhal-te müssen stärker aufeinander abgestimmt werden. Auch die Funktion des Unterrichtenden muss sich verändern. Gemeinsame Unterrichtsinhalte müssen so aufbereitet werden, dass alle SchülerInnen auf ihrem individuellen Lern- und Leistungsniveau daran teilhaben können. Der inklusive pädagogische Ansatz ist somit an einer Schule nicht von heute auf morgen umzusetzen, sondern muss wachsen und sich entwickeln.

(Vgl. dazu: Boban; Hinz: Index für Inklusion, 2003 sowie Bundschuh; Heimlich; Krawitz: Wörterbuch Heilpädagogik 2007)

Schüler beim Lernen

Schüler lernen auf mehreren Niveaus

Deutschstunde in der Klasse 6a – Zwei Pädagogen und eine FSJ-lerin begleiten 19 Mädchen und
Jungen – Idealfall ist nicht die Regel

VON
LUTZ HILKEN

SELSINGEN. Der Lehrer steht an der Tafel, alle Schüler blicken nach vorne? Das war einmal. Wissen zu vermitteln ist heute eine viel komplexere Aufgabe. Schüler lernen, obwohl im Klassenverband, auf verschiedenen Niveaus. In Zeiten von Inklusion und Integration ist die Differenzierung ein Muss. Das macht ein Besuch in einer Unterrichtsstunde der Klasse 6a der Oberschule Selsingen deutlich.

„Guten Morgen", begrüßen sich Schüler und Lehrer. 80 Minuten Deutsch stehen auf dem Stundenplan. 19 Mädchen und Jungen gehören zu der Klasse, darunter vier mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Klassenlehrerin Stefanie Simon geht mit den Schülern den Fahrplan für den Unterricht durch. Kommasetzung und wörtliche Rede gehören heute zu den Themen. Als die Aufgaben klar sind, machen sich die Schüler mehr oder weniger eigenverantwortlich ans Werk. Frontalunterricht? Der ist Geschichte, findet nur noch selten statt. Auch ein Lehrertisch, früher oft zentral und nahe der Tafel positioniert, ist als solcher kaum erkennbar. Er steht unauffällig am Rande des Geschehens. Die meisten der  Sechstklässler arbeiten an ihren Tischen, andere an separaten Gruppen- beziehungsweise Partnerarbeitsplätzen, ein Schüler an einem Ruhearbeitsplatz. Jedes Kind wird nach Möglichkeit dort abgeholt, wo es sich seinem Leistungsstand entsprechend befindet. Das erfordert umfangreiche Organisationshilfen, wie es sie in dem Klassenraum reichlich gibt  – von Stationskästen mit jeweils unterschiedlichem Lernstoff über feste Klassenregeln und Rituale bis hin zur kleinen Ampel, die anzeigt, wie viel Zeit für die Erledigung der Aufgaben bleibt. „Ohne diese vielen Hilfsmittel könnte man sich gar nicht um all die Kinder kümmern, weil man sonst ständig mit anderen Sachen beschäftigt wäre", so Stefanie Simon. Es gehe darum, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Die feste Organisationsstruktur, kein Alleinstellungsmerkmal von Klassen dieser
Art, ist eine wichtige Grundlage für das Gelingen des flexiblen Unterrichts. Eine differenziertere Unterrichts-Vorund -Nachbereitung ist für Lehrkräfte unerlässlich, der Austausch mit Kollegen wichtiger denn je.

Zevener Zeitung vom 21. März 2014

„Komplette Doppelbesetzung wäre perfekt"

Lehrerrolle verändert sich – Teamarbeit eminent wichtig – Unterricht viel differenzierter zu betrachten

SELSINGEN. Mehr Ausstattung und Material für den Unterricht, um Kinder in Inklusionsklassen besser individuell fördern und fordern zu können. Mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, für Absprachen zwischen Regelschul- und Förderschulkollegen – letztlich mehr Personal. Das ist nach Ansicht von Oberschul- und Förderschulpädagoginnen erforderlich, um die auf den Weg gebrachte inklusive Beschulung von Kindern zum Erfolg zu führen. „Eine komplette Doppelbesetzung wäre perfekt", also Teams von Regel- und Förderschullehrern für Inklusionsklassen zu bilden.

Davon würden alle Schüler profitieren, sind die Pädagoginnen überzeugt. Denn der Unterstützungsbedarf der Schüler sei teilweise extrem unterschiedlich. Da sind drei Stunden von Förderschullehrern wöchentlich pro Kind mit festgestelltem Bedarf nicht viel, zumal „trotzdem alles organisiert werden muss, was den Unterricht betrifft". Das sagen Pädagoginnen, die es wissen müssen: Die Zevener Förderschullehrerinnen Dorle Goldmann und Rita Becker sowie die Selsinger Oberschullehrerinnen Stefanie Simon und Kerstin Wondol-Sidowski haben Erfahrungen gesammelt, halten die Inklusion wie Oberschul-Rektorin Anja Wichern für richtig. Allein, es mangele an Zeit, Ausstattung und Personal, um sie besser umzusetzen.

Der im obigen Bericht beschriebene Unterricht mit drei Kräften ist ein Idealfall, den es selten gibt. „Die Realität sieht oft anders aus", sagt Stefanie Simon. Dann habe die Regellehrkraft alleine die Last zu tragen, das Wissen auf verschiedenen Niveaustufen zu vermitteln. Was dazu führen könne, dass manche Schüler nicht die notwendige Zuwendung erhalten. „Das ist gar nicht möglich, das können die Kollegen nicht immer leisten", zeigt Dorle Goldmann Verständnis. „Man kann sich nicht fünfteilen", so Stefanie Simon. Rektorin Anja Wichern hebt die Bedeutung hervor, junge Menschen gut auszubilden. „Sie zahlen später unsere Rente." Daher müsse man aus jedem Schüler das Optimum herausholen wollen. „Wir
können es uns nicht leisten, ein inklusives Sparmodell zu fahren", ist auch Rita Becker überzeugt.

Im Zuge der Inklusion wachse die soziale Kompetenz der Schüler, das sei ein Pfund, das für die Inklusion spreche. Wichtig sei aber eben genügend Zeit zum Abstimmen unter Kollegen. Diese fehle an allen Ecken und Enden, so Stefanie Simon. „Vernetzen ist wichtig", sagt sie. Das wiederum erfordere Teamfähigkeit unter den Kollegen. Denn: „Der inklusive Prozess steht und fällt mit einem gelingenden Kompetenztransfer", unterstreicht Rita Becker. „Wir bringen als Förderschulkräfte Hintergrundwissen ein, das wir in einem speziell ausgerichteten Studium erworben haben. Auf der Ebene der Regelschulpädagogen ist eine genauso große Kompetenz vorhanden, nur anders gelagert. Damit das Ganze gelingt, sind wir darauf angewiesen, ganz eng zu kooperieren." Teamarbeit sei das A und O. Gesellschaft und Schule befinden sich im Wandel, das erfordere veränderte Rahmenbedingungen. Etwa mehr Raum für den Unterricht, der eben nicht mehr starr vor einer Gruppe von Schülern, sondern differenziert stattfindet. Auch das Rollenbild der Lehrer verändert sich. Kollegen müssen sich zusammenfinden, sind keine Einzelkämpfer mehr. Wer Gewinner der Inklusion sein wird? Die Gesellschaft, hoffen die Lehrerinnen. Wer Verlierer? Nicht jeder Schüler sei für die Unterrichtsform geeignet. Kerstin Wondol-Sidowski: „Was wir hier leisten, können wir erst in vielen Jahren messen." Es gelte aber, jetzt zu
investieren. Rita Becker: „Politische Veantwortungsträger müssen sich ihrer großen Verantwortung bewusst sein. Wir brauchen Entscheidungsträger, die das Ganze verstanden haben, die sich mit den Veränderungen auseinandergesetzt haben." (lh)

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