Schüler beim Lernen

Schüler lernen auf mehreren Niveaus

Deutschstunde in der Klasse 6a – Zwei Pädagogen und eine FSJ-lerin begleiten 19 Mädchen und
Jungen – Idealfall ist nicht die Regel

VON
LUTZ HILKEN

SELSINGEN. Der Lehrer steht an der Tafel, alle Schüler blicken nach vorne? Das war einmal. Wissen zu vermitteln ist heute eine viel komplexere Aufgabe. Schüler lernen, obwohl im Klassenverband, auf verschiedenen Niveaus. In Zeiten von Inklusion und Integration ist die Differenzierung ein Muss. Das macht ein Besuch in einer Unterrichtsstunde der Klasse 6a der Oberschule Selsingen deutlich.

„Guten Morgen", begrüßen sich Schüler und Lehrer. 80 Minuten Deutsch stehen auf dem Stundenplan. 19 Mädchen und Jungen gehören zu der Klasse, darunter vier mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Klassenlehrerin Stefanie Simon geht mit den Schülern den Fahrplan für den Unterricht durch. Kommasetzung und wörtliche Rede gehören heute zu den Themen. Als die Aufgaben klar sind, machen sich die Schüler mehr oder weniger eigenverantwortlich ans Werk. Frontalunterricht? Der ist Geschichte, findet nur noch selten statt. Auch ein Lehrertisch, früher oft zentral und nahe der Tafel positioniert, ist als solcher kaum erkennbar. Er steht unauffällig am Rande des Geschehens. Die meisten der  Sechstklässler arbeiten an ihren Tischen, andere an separaten Gruppen- beziehungsweise Partnerarbeitsplätzen, ein Schüler an einem Ruhearbeitsplatz. Jedes Kind wird nach Möglichkeit dort abgeholt, wo es sich seinem Leistungsstand entsprechend befindet. Das erfordert umfangreiche Organisationshilfen, wie es sie in dem Klassenraum reichlich gibt  – von Stationskästen mit jeweils unterschiedlichem Lernstoff über feste Klassenregeln und Rituale bis hin zur kleinen Ampel, die anzeigt, wie viel Zeit für die Erledigung der Aufgaben bleibt. „Ohne diese vielen Hilfsmittel könnte man sich gar nicht um all die Kinder kümmern, weil man sonst ständig mit anderen Sachen beschäftigt wäre", so Stefanie Simon. Es gehe darum, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Die feste Organisationsstruktur, kein Alleinstellungsmerkmal von Klassen dieser
Art, ist eine wichtige Grundlage für das Gelingen des flexiblen Unterrichts. Eine differenziertere Unterrichts-Vorund -Nachbereitung ist für Lehrkräfte unerlässlich, der Austausch mit Kollegen wichtiger denn je.

 

Konzentrierte Atmosphäre

Zurück in den Deutschunterricht. Pädagogin Stefanie Simon trägt heute die Verantwortung nicht alleine. Mit Förderschullehrerin Dorle Goldmann von der Zevener Janusz-Korczak-Schule sowie Sina Dittmer, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert, sind weitere Kräfte in der Klasse, die den Schülern zur Seite stehen. Wer Hilfe benötigt, der schreibt seinen Namen an die Tafel. Das Leistungsspektrum der Schüler ist sehr unterschiedlich. Daher ist es „ein Glücksfall", gleich zwei Pädagoginnen und die FSJ-lerin im Raum zu haben. Die Regel ist es nicht. Die Atmosphäre in der Klasse wirkt erstaunlich konzentriert und entspannt. Es darf auch mal gelacht werden. Wird es Schülern oder Lehrern zu laut, sorgt ein zuvor abgesprochener Klatschrhythmus dafür, dass schnell wieder Ruhe einkehrt. Es klingelt im Raum. Die Schüler stehen auf, recken und strecken sich, hüpfen und bewegen sich eine Minute, „um beide Gehirnhälften wach zu rütteln", wie Stefanie Simon erklärt. Die Kinder rufen: „1-2-3, ich bin top fit". Sie setzen sich, arbeiten weiter. Bis zur nahenden Pause. Zuvor gilt noch der Post-Mappe Aufmarksamkeit. „Hat jeder ein Blatt bekommen?", fragt die Klassenlehrerin. Wenig später verlassen die Schüler den Klassenraum, Stefanie Simon löscht das Licht, schließt die Tür. Ein 80-Minuten-Block ist geschafft. Einer der zeigt, wie stark Schule sich verändert.