Zevener Zeitung vom 21. März 2014

„Komplette Doppelbesetzung wäre perfekt"

Lehrerrolle verändert sich – Teamarbeit eminent wichtig – Unterricht viel differenzierter zu betrachten

SELSINGEN. Mehr Ausstattung und Material für den Unterricht, um Kinder in Inklusionsklassen besser individuell fördern und fordern zu können. Mehr Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, für Absprachen zwischen Regelschul- und Förderschulkollegen – letztlich mehr Personal. Das ist nach Ansicht von Oberschul- und Förderschulpädagoginnen erforderlich, um die auf den Weg gebrachte inklusive Beschulung von Kindern zum Erfolg zu führen. „Eine komplette Doppelbesetzung wäre perfekt", also Teams von Regel- und Förderschullehrern für Inklusionsklassen zu bilden.

Davon würden alle Schüler profitieren, sind die Pädagoginnen überzeugt. Denn der Unterstützungsbedarf der Schüler sei teilweise extrem unterschiedlich. Da sind drei Stunden von Förderschullehrern wöchentlich pro Kind mit festgestelltem Bedarf nicht viel, zumal „trotzdem alles organisiert werden muss, was den Unterricht betrifft". Das sagen Pädagoginnen, die es wissen müssen: Die Zevener Förderschullehrerinnen Dorle Goldmann und Rita Becker sowie die Selsinger Oberschullehrerinnen Stefanie Simon und Kerstin Wondol-Sidowski haben Erfahrungen gesammelt, halten die Inklusion wie Oberschul-Rektorin Anja Wichern für richtig. Allein, es mangele an Zeit, Ausstattung und Personal, um sie besser umzusetzen.

Der im obigen Bericht beschriebene Unterricht mit drei Kräften ist ein Idealfall, den es selten gibt. „Die Realität sieht oft anders aus", sagt Stefanie Simon. Dann habe die Regellehrkraft alleine die Last zu tragen, das Wissen auf verschiedenen Niveaustufen zu vermitteln. Was dazu führen könne, dass manche Schüler nicht die notwendige Zuwendung erhalten. „Das ist gar nicht möglich, das können die Kollegen nicht immer leisten", zeigt Dorle Goldmann Verständnis. „Man kann sich nicht fünfteilen", so Stefanie Simon. Rektorin Anja Wichern hebt die Bedeutung hervor, junge Menschen gut auszubilden. „Sie zahlen später unsere Rente." Daher müsse man aus jedem Schüler das Optimum herausholen wollen. „Wir
können es uns nicht leisten, ein inklusives Sparmodell zu fahren", ist auch Rita Becker überzeugt.

Im Zuge der Inklusion wachse die soziale Kompetenz der Schüler, das sei ein Pfund, das für die Inklusion spreche. Wichtig sei aber eben genügend Zeit zum Abstimmen unter Kollegen. Diese fehle an allen Ecken und Enden, so Stefanie Simon. „Vernetzen ist wichtig", sagt sie. Das wiederum erfordere Teamfähigkeit unter den Kollegen. Denn: „Der inklusive Prozess steht und fällt mit einem gelingenden Kompetenztransfer", unterstreicht Rita Becker. „Wir bringen als Förderschulkräfte Hintergrundwissen ein, das wir in einem speziell ausgerichteten Studium erworben haben. Auf der Ebene der Regelschulpädagogen ist eine genauso große Kompetenz vorhanden, nur anders gelagert. Damit das Ganze gelingt, sind wir darauf angewiesen, ganz eng zu kooperieren." Teamarbeit sei das A und O. Gesellschaft und Schule befinden sich im Wandel, das erfordere veränderte Rahmenbedingungen. Etwa mehr Raum für den Unterricht, der eben nicht mehr starr vor einer Gruppe von Schülern, sondern differenziert stattfindet. Auch das Rollenbild der Lehrer verändert sich. Kollegen müssen sich zusammenfinden, sind keine Einzelkämpfer mehr. Wer Gewinner der Inklusion sein wird? Die Gesellschaft, hoffen die Lehrerinnen. Wer Verlierer? Nicht jeder Schüler sei für die Unterrichtsform geeignet. Kerstin Wondol-Sidowski: „Was wir hier leisten, können wir erst in vielen Jahren messen." Es gelte aber, jetzt zu
investieren. Rita Becker: „Politische Veantwortungsträger müssen sich ihrer großen Verantwortung bewusst sein. Wir brauchen Entscheidungsträger, die das Ganze verstanden haben, die sich mit den Veränderungen auseinandergesetzt haben." (lh)